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Der

Seilnetzkühlturm 

Der Seilnetzkühlturm ist ein Tragwerk, das allein durch Zugkräfte, präzise Vorspannung und geometrische Optimierung Stabilität erreicht. Es zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Funktion und Form übereinstimmen – oder wie Jörg Schlaich es formulierte: „Sie ist auf jeden Fall sein ehrliches Gesicht, seine wahre Gestalt, weil Funktion und Form übereinstimmen."

1973 - 1974

In weniger als zwei Jahren wird ein visionäres Konzept Wirklichkeit: Zwischen 1973 und 1974 entsteht mit dem Seilnetzkühlturm eine neuartige Konstruktionsweise für Kühltürme. Die Errichtung folgte einem innovativen Prinzip: das Tragwerk wurde am Boden vormontiert und hydraulisch auf seine Endhöhe gehoben.

540 Seile

Die Seilnetzstruktur besteht aus exakt 540 hochfesten Stahlseilen. Davon bilden 216 vertikale Meridianseile und je 108 links- und rechtslaufende Diagonalseile eine zugbeanspruchte, zwischen einem unterem Fundamentring und einem oberen Stahlring gespannte Membran. Wie ein Adventskranz hängt dieser mittels 36 Seilen an einem mittigen Betonmast. Im Innern versteifen 2 Speichenräder, ebenfalls mit jeweils 36 Seilen, das Seilnetz.

58000 kN

Das gesamte Seilnetz wird mit 58.000 Kilonewton vorgespannt – das entspricht dem Gewicht von rund 700 ausgewachsenen Elefanten, die gemeinsam an den Seilen ziehen würden. Diese enorme Vorspannung, sowie die Form machen das Tragwerk dauerhaft steif und widerstandsfähig gegenüber Windlasten.

1991

Im Jahr 1991 wurde der Seilnetzkühlturm gesprengt. Er gehörte zum Thorium-Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop, einem Prestigeprojekt, das sich wirtschaftlich und technisch nicht bewährte. Nach Protesten, Pannen und Stilllegung wurde das Symbol einer ambitionierten Reaktorlinie zum Mahnmal. Der Rückbau begann – und mit ihm ging ein besonderes Stück Ingenieurbaukunst verloren.

Der Seilnetzkühlturm ist ein Tragwerk, das allein durch Zugkräfte, präzise Vorspannung und geometrische Optimierung Stabilität erreicht. Es zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Funktion und Form übereinstimmen – oder wie Jörg Schlaich es formulierte: „Sie ist auf jeden Fall sein ehrliches Gesicht, seine wahre Gestalt, weil Funktion und Form übereinstimmen."

Der Seilnetzkühlturm

yr 1974-1991

  • Historischer Hintergrund
  • Nutzungsgeschichte
  • Eigentumsverhältnisse
  • Architektonische Besonderheiten
  • Mit dem Ziel, wasserverbrauchsfreie Kühlsysteme für zukünftige Kraftwerksgenerationen zu entwickeln, gewann in den 1960er und 70er Jahren die Trockenkühlung zunehmend an Bedeutung. Dies geschah vor dem Hintergrund einer globalen Wasserverknappung und wachsender Umweltanforderungen – es galt, weniger Wasser für den Kühlprozess zu verbrauchen und, kein warmes Wasser in das Ökosystem zurückzuführen.

    Da Trockenkühlsysteme aufgrund ihres Funktionsprinzips deutlich größere Bauvolumina erfordern, stießen klassische Stahlbetonschalen an wirtschaftliche und technologische Grenzen. Der Seilnetzkühlturm war eine Antwort auf diesen Wandel: eine neuartige, vorgespannte Seilnetzmembran ermöglichte erstmals eine leichtere und deutlich höhere Turmkonstruktion.
  • Der Seilnetzkühlturm diente von 1986 bis 1989 als Prototyp zur Abwärmeabfuhr des Hochtemperatur-Kernkraftwerks Hamm-Uentrop (THTR 300). Mit dessen Stilllegung verlor auch der Turm seine Funktion. Der großflächige Einsatz blieb begrenzt, da die Trockenkühlung bei hohen Außentemperaturen an Effizienz verliert und mit hohem technischen Aufwand verbunden ist. In Deutschland blieb dieses Verfahren mit dem Seilnetzkühlturm ein einmaliger Versuch. Die vorgespannte Seilnetzstruktur bot dennoch erstmals eine realisierbare Lösung für Bauhöhen und Durchmesser bis zu 300 m.
  • Der Bau wurde von der Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH in Auftrag gegeben – einer Betreibergesellschaft unter Beteiligung mehrerer Energieversorger, insbesondere der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW). Da es sich um ein technologisch wegweisendes Pilotprojekt handelte, unterstützte das Land Nordrhein-Westfalen das Vorhaben auch finanziell.
  • Die Form des Seilnetzkühlturms – ein Rotationshyperboloid – ist funktional begründet, weil sie den Kamineffekt und damit die Luftkühlung unterstützt. Geometrisch ergibt sie sich aus einem Gleichgewichtszustand der vorgespannten Netzstruktur.

    Die riesige Form hätte leicht plump und platt wirken können, wenn nicht die Verkleidung des Turmes innen liegend käme und so das außen liegende Seilnetz der Form Struktur und Gliederung geben würde.

    Sichtbar schafft das Seilnetz technische Lesbarkeit und eine „ehrliche“ Formensprache, die ohne gestalterisches Beiwerk eine starke Präsenz entfaltet.
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Tauche ein in das Tragwerk des Seilnetzkühlturms

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Das Rotationshyperboloid
Prinzipieller Aufbau des Tragwerks
Das dynamische Tragverhalten unter Wind
The ring foundation
Der Mast
Das obere Speichenrad
Der Hubring
Die zwei innen liegenden Speichenräder
Das Seilnetz
Die Verkleidung
Der Bauablauf

Das Rotationshyperboloid

Prinzipieller Aufbau des Tragwerks

Das dynamische Tragverhalten unter Wind

The ring foundation

Der Mast

Das obere Speichenrad

Der Hubring

Die zwei innen liegenden Speichenräder

Das Seilnetz

Die Verkleidung

Der Bauablauf

Das Rotationshyperboloid

Prinzipieller Aufbau des Tragwerks

Das dynamische Tragverhalten unter Wind

The ring foundation

Der Mast

Das obere Speichenrad

Der Hubring

Die zwei innen liegenden Speichenräder

Das Seilnetz

Die Verkleidung

Der Bauablauf

Das Rotationshyperboloid

Der Seilnetzkühlturm basiert auf einer klar definierbaren Geometrie einer doppelt gekrümmten Fläche: dem einschaligen Rotationshyperboloid, welches durch die Rotation einer Hyperbel entsteht.

Im Folgenden wird erläutert, wie man die Geometrie eines Rotationshyperboloids erhält.
Man stelle sich zwei parallel zueinander liegende Kreise im Raum vor, die in einem festen Abstand übereinander angeordnet sind.
Verbindet man diese Kreise durch senkrechte Linien – gedanklich unendlich viele – so entsteht zunächst ein Zylinder
Dreht man nun einen der Kreise um die vertikale Achse, während der andere fixiert bleibt, verdreht sich der Zylinder in sich. Diese Verdrehung ähnelt einem ausgedrehten Handtuch – und erzeugt das typische Hyperboloid. So neigen sich senkrechte Linien, bleiben aber gerade.
Je stärker die Verdrehung, desto flacher verlaufen die Geraden und desto enger wird der Radius in der Mitte – die Taille. Die Mantelfläche dieses Körpers ist das Rotationshyperboloid.
Die ursprünglich einfach gekrümmte Zylinderfläche wird durch diese Verdrehung doppelt gekrümmt – was enorme Vorteile für die Statik mit sich bringt: Die doppelte Krümmung macht die Fläche steifer, stabiler und leitet Kräfte effizient über Membranspannungen ab. Und hat sich daher für die Konstruktion von Kühltürmen bewährt.
Eigentlich würde sich das gesamte System, wenn man den oberen und den unteren Ring nach der Drehung nicht fixieren würde wieder „entdrehen“. Um dem entgegenzuwirken – beziehungsweise um die Rotation zu unterbinden, müssen der Ursprungsrotation gegenläufige Geraden eingefügt werden.
Mit diesen Prinzipien können kontinuierliche Flächen entstehen. Allerdings besteht beim Seilnetzkühlturm die Konstruktion nicht aus einer durchgehenden Fläche, sondern aus einzelnen Seilen, die durch Fixierung des unteren Ringes und das Anheben des oberen Ringes eine vorgespannte Membran aufspannen.
Die zugrunde liegende Mathematik: Eine Hyperbel ist durch die Gleichung x² - y² = 1 definiert. Wird sie um die z-Achse rotiert, entsteht ein Rotationshyperboloid mit der Gleichung: x² + y² - z² = 1. Dadurch sind alle Punkte auf der Mantelfläche einer Funktion zugeordnet.
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Prinzipieller Aufbau des Tragwerks

Der Seilnetzkühlturm besteht aus einem zentralen Mast, einem umlaufenden Seilnetz in Form eines Rotationshyperboloids sowie einem unteren Fundamentring und einem oberen Druckring, der als Adventskranz ausgebildet ist. Die äußeren Kräfte - vor allem Windlasten - werden durch das vorgespannte Seilnetz aufgenommen und in den Boden abgeleitet.
Das Seilnetz besteht aus einer Meridianseilschar und zwei Diagonalseilscharen, die flacher als die Erzeugenden des Paraboloids geneigt sind. Die Neigung der Diagonalseile über die Höhe wurde stetig so verändert, dass sich in der ungünstigsten Überlagerung aller Lastfälle eine möglichst gleichmäßige Materialausnutzung ergab.
Das Tragverhalten des Seilnetzes beruht auf einem Gleichgewicht der inneren Kräfte. Die radial nach außen gerichteten Umlenkkräfte der unter hoher Vorspannung stehenden Meridianseile werden durch die nach innen gerichteten Kraftkomponenten der Diagonalseile aufgenommen. Durch diese wechselseitige Kraftkompensation entsteht eine in sich stabile, vorgespannte Membranstruktur, die sowohl Eigengewicht als auch Windlasten effizient trägt.
36 schräg verlaufende Seile verbinden den Mastkopf mit dem oberen Druckring. Dieser Druckring hängt quasi als Adventskranz am Mastkopf und sorgt dafür, den Vorspannzustand im Seilnetz aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig wirkt es als steifes last- und verformungsverteilendes Schott.
Der zentrale Stahlbetonmast dient als vertikale Tragachse und nimmt die gesamte Netzvorspannung am Mastkopf auf – er wird dabei im Endzustand rein auf Druck beansprucht.
Der Mast könnte, wenn Montagezustände nicht maßgebend wären, als Pendelstab zur Aufnahme der 58 MN Vorspannkraft für das Netz ausgebildet werden.
Auch die beiden horizontalen Speichenräder wirken statisch wie Schotte. Sie versteifen die Struktur in Querrichtung und verhindern lokale Verformungen. Ihre Positionierung auf 68 m und 112 m Höhe sorgt für eine gleichmäßige Kraftverteilung und macht das Netz gegenüber Wind und Imperfektionen sehr robust.
Die Kräfteverteilung im Kühlturm ist durch die Vorspannung im gesamten Turm nahezu konstant. Die Vorspannkräfte bewirken Zugkräfte in der Seilmembran. Im unteren Bereich leitet das Netz die Zugkräfte in das Ringfundament weiter, das über Daueranker sicher im Baugrund verankert ist.
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Das dynamische Tragverhalten unter Wind

Das dynamische Tragverhalten des Seilnetzkühlturms wurde anhand aufstrebender numerischer Berechnungsmethoden untersucht. Im Folgenden wird die Herangehensweise der beteiligten Planenden nachvollzogen.
Dynamische Beanspruchungen können sowohl aus Erdbeben- als auch aus Windlasten resultieren. Allerdings erzeugen Erdbeben bei diesem Tragwerk keine nennenswerten Beanspruchungen. Der Grund liegt in der geringen Masse des Seilnetzturms und seiner hohen Eigenfrequenz, wodurch er äußerst robust gegenüber dynamischen Lasten ist. Entsprechend konnte auf weitere Sicherheiten gegen seismische Einwirkungen verzichtet werden. Die maßgebenden dynamischen Effekte wurden durch Windbelastungen bestimmt.
Um die aerodynamischen Einwirkungen realitätsnah zu erfassen, wurden an der Universität Stuttgart umfangreiche Windkanalversuche durchgeführt. Untersucht wurden unter anderem die Windbeiwerte an Außen- und Innenseite des Turmes, wobei besonderes Augenmerk auf die durch das Netz verursachte Oberflächenrauhigkeit gelegt wurde.
Es wurde intensiv diskutiert, ob die Turmverkleidung außen auf das Netz aufgebracht oder innenliegend montiert werden sollte. Die Windkanalversuche zeigten eindrücklich, dass ein außen liegendes Netz den Luftsog an den Flanken des Turms so effektiv mindert, dass auf zusätzliche vertikale Störleisten – wie es bei glatten Körpern üblich wären – verzichtet werden konnte.
Ziel war die Entwicklung einer Konstruktion mit optimalem Tragverhalten und minimalem Materialverbrauch mithilfe numerischer Methoden. Hierzu wurde innerhalb von acht Wochen ein eigenes Berechnungsprogramm auf einem IBM 370/155 entwickelt, mit dem über 60 Turmkonfigurationen mit variierter Geometrie, Querschnitten und Vorspannungen analysiert wurden.
Bei jeder Berechnung wurden verschiedene Lastfallkombinationen betrachtet, verglichen und so die Auswirkungen einzelner Lastfälle untersucht. i) nur Eigengewicht (g), ii) Eigengewicht + Vorspannung (g+v) iii) Eigengewicht + Vorspannung+ Wind (g+v+w).
Die Ergebnisse zeigen, dass die Normalkräfte im zentralen Mast durch die Windlast nur geringfügig beeinflusst werden. Selbst unter Volllast bleiben auch die Verformungen (teilweise aus ungewollten Ausmittigkeiten) sehr klein. Für die statische Bemessung des Masts sind daher ausschließlich Montagezustände entscheidend – nicht die Betriebslasten.
Die beiden horizontalen Speichenräder haben eine äußerst positive Wirkung auf das Verformungsverhalten der Seilnetzhülle. Die maximale Verformung der Mastspitze bleibt selbst unter Volllast bei lediglich 14 cm. Gleichzeitig verteilen die Speichenräder die Membrankräfte günstig im Mantel.
Das Netz wurde so konstruiert, dass die Normalkräfte im Mantel (nz) über die gesamte Höhe weitgehend gleiche Beträge aufweisen. Diese gleichmäßige Netzseilausnutzung war ein zentrales Kriterium für die Ausrichtung des Netzes.
In einer Membran wirken Normalkräfte (nz & nϕ) und Schubkräfte (nzϕ). Die Berechnungen zeigen, dass die Speichenräder lokal auftretende Schubkräfte aufnehmen und verteilen, wodurch ihre statische Funktion – insbesondere bei Windlasten – deutlich wird (Sprünge im Verlauf).
Die Ergebnisse beziehen sich auf die finale, optimierte Turmkonfiguration des Berechnungsprogramms. Zu dieser Zeit standen numerische Berechnungsverfahren zur Tragwerksbewertung noch in den Anfängen. Dennoch entstand hier ein bemerkenswertes Beispiel von Ingenieurbaukunst.
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The ring foundation

Das Ringfundament bildet mit 141 m Durchmesser die Basis der Tragstruktur. Es liegt als ringförmiges Streifenfundament im Boden und dient als Koppelglied zwischen den Bodenankern und den Netzseilen.
Als Koppelglied benötigt das Ringfundament im wesentlichen nur eine risseverteilende Bewehrung für eine fugenlose Herstellung.
Am Ringfundament sind 216 Netzseile verankert. Jedes Seil überträgt enorme Zugkräfte, die durch das Betonfundament in die Bodenanker weitergeleitet werden.
Zusätzlich zu den 216 Seilverankerungen sind im Ringfundament 432 Bodenanker verbaut. Diese sind mit dem Beton kraftschlüssig verbunden und wurden auf das 1,1-fache der späteren Netzvorspannung gespannt.
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Der Mast

Der Mast ist eine 180 m hohe, zylindrische Stahlbetonröhre mit einem Außendurchmesser von 6,6 m und einem Kreisfundament als Gründung. Der Turm bildet die zentrale Tragachse des gesamten Kühlturms und dient als vertikaler Aufhängepunkt für das Seilnetz.
Statisch wirkt der Mast im Endzustand wie ein Pendelstab, der die gesamte vertikale Vorspannkraft des Netzes aufnimmt – etwa 58 MN Druckkraft.
Gefertigt wurde der Mast in Gleitschalungstechnik, was eine kontinuierliche Herstellung ohne Arbeitsfugen ermöglichte. Er steht auf einem eigenen Kreisfundament mit nur 15,5 m Durchmesser – im Verhältnis zur Höhe extrem effizient.
Am oberen Ende ist eine Kopfkonsole angebracht, durch die vertikale Zugglieder (Dywidag-Stäbe) geführt werden. Diese Konsole bildet die Verankerung für die Hubvorrichtung im Bauzustand.
Während der Bauphase wurde der Mast temporär durch zusätzliche Spannstäbe seitlich abgespannt, um Montagelasten sicher aufzunehmen.
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Das obere Speichenrad

Das obere Speichenrad befindet sich in ca 150 m Höhe und hat einen Durchmesser von 88 m. Es besteht aus 36 Hohlkastensegmenten (80×120 cm) mit Blechdicken zwischen 22-28 mm und wurde aus hochfestem Stahl (St. 52) gefertigt.
Als Druckring lenkt das obere Speichenrad die Zugkräfte des Seilnetzes um und überträgt diese über schräg verlaufende Seile auf den Mastkopf. Der Druckring steift das Seilnetz oben aus.
Vom äußeren Ring verlaufen 36 Seile mit ca. 30° Neigung zur Mastspitze, wo sie an einen Zugring befestigt sind. Diese schrägen Seile bilden das Bindeglied zwischen der Membranform und der zentralen Vorspannachse. Der Zugring dient während des Baus als Hubring.
Am Druckring schließen die Netzseile des Seiltragwerks an. Dafür sind 216 Verbindungsknoten hergestellt, um die Seilkräfte sicher in den Druckring zu leiten.
Aufgrund seiner ringförmigen, geschlossenen Geometrie wirkt der Druckring äußerst verformungssteif für die Membran des Kühlturms.
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Der Hubring

Der Hubring hebt das gesamte Seilnetz mit den Speichenrädern stufenweise in seine finale Position. Im Endzustand wird der Hubring von unten an der Mastkopfkonsole befestigt und bildet das Bindeglied zwischen der Stahlbetonkonstruktion und der Seilnetzkonstruktion.
Der Hubring besteht aus einem kreisförmigen Hohlkastenprofil mit einem Durchmesser von 7,6 m und einem Querschnitt von ca. 60 × 80 cm. Es werden ausgesteifte Öffnungen in den Querschnitten für die Hubelement und späteren Spanngliedern vorgesehen.
Während des Aufziehens des Seilnetzes ist der Hubring über Hubelemente mit dem Mastkopf verbunden und wird etappenweise nach oben gezogen. Die daran befestigten 36 Schrägseile heben somit die gesamte Netzstruktur kontinuierlich in ihre vorgespannte Geometrie.
Nach Abschluss der Montage verbleibt der Hubring dauerhaft an seiner Position und wird über vorgespannt eingebaute Dywidag-Zugglieder kraftschlüssig mit dem Mast verbunden. Die hier zu sehende Öffnung wurde mit hochfestem Mörtel verpresst.
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Die zwei innen liegenden Speichenräder

Die beiden Speichenräder sind ringförmige Konstruktionen, die in 68 m und 112 m Höhe zwischen Mast und Seilnetz eingefügt sind. Sie wirken als lastverteilende, aussteifende Schotte. Ihre Aufgabe ist es, das Netz in der Ebene zu stabilisieren und so gegen Verformungen (z. B. durch Wind) zu sichern.
Jedes Speichenrad besteht aus einem Außen- und einem Innenring, die durch 36 radiale Spiralseile (Ø 35 mm) verbunden sind. Die Spiralseile übernehmen die Rolle der „Speichen“ – sie spannen die beiden Ringe vor und bilden mit ihnen ein steifes Speichenrad.
Der Außenring besteht aus einem Stahlhohlkasten mit den Querschnittsabmessungen von 50 × 40 cm und Blechdicken von 12 – 14 mm. Er wirkt als Druckring des Speichenrads.
Der Innenring besteht aus einem liegenden I-Profile mit den Abmessungen von ca. 86 × 40 cm. Er wirkt als Zugring des Speichenrads.
Die Innenringe der Speichenräder berühren den Mast nicht. Folglich „schweben“ die Speichenräder und tragen ausschließlich zur Aussteifung der Seilstruktur bei.
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Das Seilnetz

Das Seilnetz bildet die primäre Tragstruktur des Kühlturms – eine doppelt gekrümmte Membranschale, die ausschließlich Zugkräfte aufnimmt.
Das Netz besteht aus 216 Meridianseilen und zwei Diagonalseilscharen mit jeweils 108 Seilen, deren Neigung über die Höhe variiert. Die Seile unterscheiden sich in Aufbau und Abmessung.
Die Maschenweiten des Netzes verändern sich aufgrund der doppelt gekrümmten Form von 2,05 m bis 1,20 m, bleiben aber durch das gleichschenklige Maschendreieck prinzipiell gleich aufgebaut. Sie besitzen Litzen mit 20 mm bzw. 25 mm Durchmesser.
Die Meridianseilschar besteht aus 216 vertikalen Seile. Sie verlaufen durchgehend vom Ringfundament bis zum oberen Druckring. Ihre Aufgabe ist es, die Hauptvorspannung in vertikaler Richtung aufzunehmen. Durch ihre hyperbolische Krümmung ergibt sich die charakteristische Taillierung des Turms.
Die zwei Diagonalseilscharen bestehen aus jeweils 108 Netzseilen. Im Gegensatz zu den Meridianseilen sind sie nicht durchlaufend, sondern werden an den Speichenrädern gestoßen.
Die Neigung der Diagonalseile wurde über die Höhe so angepasst, dass sich bei sämtlichen Lastfällen eine gleichmäßige Materialausnutzung einstellt.
Dabei wurde das Kräftegleichgewicht zwischen den nach außen gerichteten Umlenkkräften der Meridianseile und den nach innen gerichteten Komponenten der Diagonalseile sorgfältig eingehalten.
Alle Netzseile bestehen aus aluminium-ummantelten Litzen mit hochfesten Stahlkern. Jedes Netzseil besteht aus zwei in engem Abstand parallel geführten Rundlitzen. An den Kreuzungspunkten werden die Seile mit aufgepressten Aluminiumklemmen kraftschlüssig verbunden. Ihr Durchmesser beträgt zwischen 20 und 25 mm.
Die Vorspannkraft von ca 58MN verteilt sich auf alle Netzseile. Sie erzeugt die notwendige Steifigkeit und bewirkt, dass das Netz bereits im von äußeren Lasten unbelasteten Zustand unter Spannung steht.
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Die Verkleidung

Die Verkleidung befindet sich an der Innenseite des Seilnetzes, wodurch die Windkräfte durch die vorgelagerte Seilstruktur deutlich reduziert werden, und dient gleichzeitig der Luftführung im Betrieb des Kühlturms. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Luftstrom im Inneren zu kanalisieren und damit die aerodynamische Funktion des Naturzugkühlturms zu optimieren.
Die Verkleidung besteht aus zwei Hauptelementen:

Horizontal verlaufende Aluminium-Ringträger, die an den Kreuzungspunkten des Netzes befestigt sind – dabei horizontal verschieblich, um Dehnungen und Temperaturveränderungen aufzunehmen.

In Meridianrichtung gespannte Aluminium-Trapezbleche, die auf den Ringträgern aufliegen und die eigentliche Verkleidungsfläche bilden.
Die Verbindung der Verkleidung mit dem Seilnetz erfolgt über Langlöcher, die in die Befestigungspunkte integriert sind. Diese Konstruktion erlaubt thermische Bewegungen der Aluminiumteile relativ zum Netz, ohne die Tragstruktur zu behindern oder Zwängungen zu erzeugen.
Die Gesamtfläche des Seilnetzes beträgt ca. 46.000 m².Die Verkleidung bedeckt davon nur rund 38.000 m². Im Bereich bis 19 m über dem Boden bleibt das Netz unverkleidet, um den Lufteintritt zu ermöglichen.
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Der Bauablauf

Die Bauphase dieses Projekts umfasste eine komplexe Abfolge von Arbeitsschritten, bei denen Stahlbetonkonstruktionen, Hubtechnik und ein exakt vorgefertigtes Seilnetz zusammenspielten. Vom Fundament über den Aufbau des Mastes bis hin zur Endmontage wurde jeder Schritt präzise geplant – die folgenden Abschnitte zeigen diesen Ablauf.
Zunächst wurde das Ringfundament betoniert, das später die Zugkräfte aus dem Seilnetz aufnimmt. Parallel dazu wurde der zentrale Mast mit einer Gleitschalung kontinuierlich bis auf die volle Höhe hergestellt.
Im Anschluss erfolgte am Boden die Montage des oberen Druckrings: Alle zugehörigen Stahlteile –Druckring, Schrägseile, Hubring – wurden kreisförmig um den Mast herum zu einem Bauteil montiert.
Nun wurden am Mastkopf hydraulische Pressen installiert. Über vertikale Durchlässe in der Mastkopfkonsole wurden Hubelemente mit dem Hubring verbunden. Mit dieser Vorrichtung wurde der komplette obere Druckring mit bereits ersten angeschlossenen Netzseilen gleichmäßig nach oben gezogen.
Während des Hubvorgangs wurde das Seilnetz, fest mit dem Druckring verbunden und am Boden Stück für Stück montiert. Mit dem Netz wurden gleichzeitig die Speichenräder, und sonstige Bauteile wie Laufstege und Montagebühnen mitgehoben. Die Netzseile waren maßgenau vorgefertigt – vor Ort mussten sie nur noch mit Schrauben verbunden werden, ganz ohne Nachmessen oder Zuschnitt.
Die Hubgeschwindigkeit wurde genau abgestimmt, sodass das Nachführen und Montieren der Seil- und Stahlteile am Boden synchron mit dem Anheben ablief. Während dieser Phase wurde das noch ungespannte Netz vorübergehend nur durch die Speichenräder stabilisiert. Deren Innenringe waren zur Lastableitung nur temporär mit dem abgespannten Mast gekoppelt, um Windkräfte abzuleiten.
Nachdem die Zielhöhe erreicht war, wurde die Hubeinrichtung zur Spannanlage umgerüstet. Die Hubelemente wurden gegen Spannelemente ausgetauscht, weitere Hydraulikzylinder ergänzt, und das Netz durch kontrolliertes Spannen in seinen Endzustand überführt. Die Membranform war nun vollständig stabil und vorgespannt. Schließlich wurde die Fuge zwischen Mast und Hubring endgültig mit hochfestem Mörtel verpresst.
Nach dem Spannen wurde die Verkleidung mithilfe beweglicher Montagebühnen angebracht, die auf Ringschienen an den Speichenrädern liefen. Vertikal wurden die Bühnen an gespannten Seilen geführt, wodurch sie sich exakt an die Turmform anpassen konnten. Die Aluminiumverkleidung wurde angebracht, wobei der unterste Bereich für den Lufteintritt bewusst freigelassen wurde.
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Entdecke das Tragwerk des Seilnetzkühlturms gemütlich von zu Hause aus.

Hier kannst du dir die vollständige VR-Ausstellung des Seilnetzkühlturms kostenfrei herunterladen.

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Awareness information

Seilnetzkühlturm:

Ein Bauwerk wie der Seilnetzkühlturm verdient Anerkennung für seine technische Besonderheit. Bis heute zeugt er – auch in digital rekonstruierter Form – von technischer Eleganz und Pioniergeist. Gleichzeitig steht er exemplarisch für eine Ära der Energiegewinnung: die Kernenergie. Eine Technologie, die im 21. Jahrhundert in Deutschland gesellschaftlich und sicherheitspolitisch als nicht mehr tragbar gilt. Der Turm für die Trockenkühlung des Kühlwassers aus Industrieprozessen, hier der Kernenergienutzung, wurde als Alternative zu den Kühltürmen aus Beton konzipiert. Der Kühlturm blieb jedoch ein eleganter Prototyp, der 1983 teilweise in Betrieb ging, Ende 1987 an den Betreiber übergeben wurde und bis Anfang 1989 in Betrieb war. Nur zwei Jahre später wurde der Turm gesprengt. Dieses besondere Bauwerk eröffnet einen Diskurs – über technische Visionen, politische Entscheidungen und die Frage, welche Zukunft wir mitbauen wollen. Ein interessanter Einblick in diese Thematik mit Zitaten von Jörg Schlaich findet sich in einem taz Artikel von 1991 – als der Abriss noch nicht vollzogen war. 

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